Costa Rica: Pura Vida in der Hängematte

Wo der Kaffee durch Socken läuft und ein hässliches Geschöpf die schönsten Papageien aussticht.

Costa Rica: La Pura Vida Foto: Bettina Winterfeld
Costa Rica: La Pura Vida Foto: Bettina Winterfeld

Nur einen Zentimeter weiter – und Nancy stünde jetzt allein auf der Bühne. Und ihr Song „Death by coconut“ wäre auch kein flotter Reggae, sondern ein tieftrauriger Blues. Wenn überhaupt.
Doch glücklicherweise ging die Sache damals noch einmal gut aus, die Kokosnuss prallte haarscharf neben Dannys Kopf in den Sand. „Oh ja, das war verdammt knapp“, ruft die Beinahe-Witwe mit warmer Soulstimme ins Publikum und wirft dem blonden Schlacks an ihrer Seite einen liebevollen Blick zu. „Yeah, Baby, I love you too“ grinst dieser zurück und lässt seine E-Gitarre dramatisch aufjaulen. Die Gäste im „Crazy Mon“, einer idyllisch gelegenen Barfußbar an Costa Ricas Karibikstrand, applaudieren und bestellen noch eine Runde Pina Colada. Pura Vida! Prost! Hoch lebe das Leben!
Der selbst komponierte Song des kanadischen Künstlerduos „Fanatic Onions“ über die bühnentauglichen Risiken tropischer Früchte ist der Hit des Abends. Vor allem, weil sich so gut dazu tanzen lässt. Pura Vida!
Diese beiden Worte höre ich hier von morgens bis abends. Die Costa Ricaner sagen sie zur Begrüßung, zum Abschied und zwischendurch. Pura Vida bedeutet so viel wie: pures, pralles Leben. Das klingt nicht nur melodischer als „Moin Moin“ „Hallo“, „Alles klar“ oder „cool“, sondern bringt auch das Lebensgefühl des zentralamerikanischen Landes perfekt auf den Punkt.

Costa Rica: La Pura Vida Foto: Bettina Winterfeld

Die vollmundige Allzweckformel speist sich aus vielen Quellen. Mit seinen artenreichen Regenwäldern und den endlosen Sandstränden an gleich zwei verschiedenen Meeren ist das mittelamerikanische Land von der Natur üppig bestückt. Die 4,8 Millionen Bewohner gehen mit ihren Schätzen umsichtig um. Ökologie steht in der Verfassung ganz oben, und für eine Armee gibt es keinen Colon. Lieber investiert man in Bildung und Ökotourismus. Ein rekordverdächtiges Viertel des gebirgigen Landes steht unter Naturschutz.
Hier im Nationalpark Cahuita an der Karibiküste wuchert der Urwald bis zum weißen Strand, vor dem sich ein gut erhaltenes Korallenriff erstreckt. Im gleichnamigen Dorf steht das Holzhaus von Walter Ferguson.

Costa Rica: La Pura Vida Foto: Bettina Winterfeld

Der Sänger, der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiert, stammt wie die meisten Bewohner der Nordküste von den Nachfahren der schwarzafrikanischen Sklavenarbeiter aus der Karibik ab. Ferguson wird landesweit als „King of Calypso“ verehrt. Der mitreißende Groove der afrokaribischen Bevölkerung lockt auch Nancy und Danny seit Jahren nach Costa Rica. Und natürlich das Klima. Während im heimatlichen Toronto zweistellige Minusgrade jede Lebensfreude außerhalb der eigenen Daunen gefrieren lassen, fällt hier das Thermometer selbst nachts nicht unter 20 Grad.
Während sich Clypso-Legende Ferguson schon aus dem Musikgeschäft zurückgezogen hat, jammen die „Fanatic Onions“ meistens mit „Mr. Junior“, einem weiteren Urgestein der Calypso-Szene. Mr. Junior ist erst 74 Jahre alt, fühlt sich aber wie höchstens zwanzig, wie er mit breitem Lächeln versichert. Die beachtliche Zahnlücke, die er dabei entblößt, tut seinen Charme keinen Abbruch.
Vor ihren abendlichen Auftritten geben die „Fanatic Onions“ den Kindern der Castros Musikunterricht. Die Ärztin Nelsy Castro stammt aus dem trockenen Norden Costa Ricas, wo die Surferparadiese des Playa Tamarindo und Playa Negra liegen, ihr Ehemann aus der Schweiz. Vielleicht kann mir die Doctora verraten, warum hier das Leben vor dem Tod nicht nur lustvoller ist, sondern nachweislich auch länger dauert. Die Ticos, wie sich die Costa Ricaner selbst nennen, haben eine höhere Lebenserwartung als der Rest der Welt.
„Wir halten als Familien und Nachbarn eisern zusammen, feiern gerne und oft, lieben die Musik und sind tolerant. Außerdem bauen sich viele Menschen ihr eigenes Obst und Gemüse an,“ mutmaßt Nelsy, als ich mit ihr über die erstaunliche Demographie des Landes diskutiere. Die sympathische Medizinerin hat tatsächlich noch nie einen Burnout diagnostiziert. Weder in ihrer Praxis in Cahuita noch im Elektrizitätswerk von Limon, wo sie halbtags als Betriebsärztin arbeitet. Leider, fügt sie bedauernd hinzu, seien die Jüngeren nicht länger vor Fast Food, Diabetes und Übergewicht gefeit.
Dieses Problem hatte Luna May noch nie. Ganz im Gegenteil. Bevor sich die temperamentvolle Modedesignerin in Costa Rica niederließ und in Puerto Viejo ihre erste Boutique eröffnete, lebte sie in London und Ibiza. Aufgewachsen in Kolumbien, als Tochter eines spanisch-kolumbianischen Hippie-Paares, litt sie als Teenager darunter, zu dünn zu sein. „Meine Freundinnen hänselten mich, und die Jungs schauten mich erst gar nicht an“, erinnert sich Luna, „später erbarmte sich dann doch noch einer, ein Spanier. Ich folgte ihm nach Madrid, wo man mir plötzlich Komplimente wegen meiner Figur machte. “ Anfangs dachte sie: “Die wollen mich doch auf den Arm nehmen!“, dann schwor sie sich, Kleider zu entwerfen, die allen Frauen gleichermaßen schmeicheln.

Costa Rica: La Pura Vida Foto: Bettina Winterfeld

So posieren bei Lunas Shootings am Strand vor allen Freundinnen und Nachbarskinder. Dazu wird Live-Musik gespielt, und hinterher gibt es eine Riesenparty. Pura Vida!

Costa Rica: La Pura Vida Foto: Bettina Winterfeld

250 Kilometer weiter nordwestlich im zentralen Hochland erleben ich die bodenständige Facette der landeseigenen Wellness-Philosophie. Im Garten meines Bungalows im Nayara Resort sprudelt warmes Mineralwasser, das direkt vom Vulkan Arenal gespeist wird. Wie herrlich, sich privatissimo nackt und unbeobachtet im eigenen Thermalspool zu aalen. Ebenso entspannend ist die anschließende Massage mit vulkanischen Heilschlamm, die unter dem zwitschernden, pfeifenden und gurrenden Dach des Regenwalds stattfindet. Der nahe gelegene Vulkansee bietet ein weltweit herausragendes Binnenrevier für Windsurfer.
In der Nacht reißt mich ein merkwürdiges Grunzen aus dem Schlaf. Es klingt, als ob ein Riese um sein Leben röchelt. Es sind aber nur die Brüllaffen. Bei denen – wen wundert`s – die Alpha-Männchen den größten Lärm veranstalten. Dies und andere Details aus dem Leben der Primaten erfahre ich bei einer Wanderung am Fuße des Vulkans. Dort lässt mich mein Guide, einer der Biologen des Arenal Nationalparks, am neuesten Knüller der Gender-Forschung teilhaben: „Durch ihr Gebrüll erschöpft sich das Sperma der Alphamännchen. Die Weibchen haben davon keine Ahnung. Sie fallen auf die Krachmacher herein und lassen die leiseren Artgenossen mit den besseren Hormonen zu einer anderen Gruppe ziehen.“
Nach dem Dinner, während ich träge und zufrieden in meiner Hängematte schaukle, grüble ich über das präpotente Paarungsverhalten der Primaten nach. Und darüber, warum sich immer noch erschreckend viele Vertreter der artverwandten Gattung Homo Sapiens auf ähnliche Weise zum Affen machen.
Am nächsten Morgen stehe ich früh auf. Kolibris, kaum größer als Schmetterlinge, schwirren durch meinen Garten. Gemessen an ihren rasanten Stoffwechsel mit 500 Herzschlägen pro Minute haben auch sie eine unglaubliche Lebenserwartung. Pfeilschnell vibrieren sie wie winzige bunte Hubschrauber in der Luft und saugen dabei mit langen, spitzen Schnäbeln aus den orangeroten Papageienblüten ihren Nektar.
Mein morgentliches Manna – frisch aufgebrühten Kaffee – schlürfe ich im Ort La Fortuna, wo ich mit Kattia Barrantes zum Frühstück verabredet bin. Die attraktive 39-jährige ist mit 13 älteren Brüdern auf einer Kaffeeplantage im Hochland ausgewachsen. Nach dem Studium in den USA übernahm sie die elterliche Plantage und eröffnete in der Hauptstadt San Jose die erste Barista-Schule des Landes.
„Die Vulkanerde und die verschiedenen Höhenlagen verleihen unserem Kaffee das gewisse Etwas,“ schwärmt sie, „das ist ähnlich wie beim Terroir des Weines. Wichtig ist sind auch die richtige Wassertemperatur und die Geschwindigkeit, mit der der Kaffee durch die Socke gefiltert wird. “ Die Socke? Tatsächlich brühen die Ticos ihre Bohnen traditionell in Socken auf. Was dem Aroma überraschend gut tut…
Zehn verschiedene Arabica-Sorten baut Kattia auf ihrer Farm an, darunter auch solche, die – gar nicht oder nur schwach geröstet – beim Entgiften und Abnehmen helfen können. Im spanischen Galizien experimentiert sie mit einer eigenen, Kaffee-basierten Kosmetik. Hoch erfreut, von einer Expertin bestätigt zu bekommen, dass mein viel gescholtener Kaffeekonsum doch gesund ist, verbuche ich mein bisher nachhaltigstes Pura-Vida-Highlight!
Meine nächste, allerdings eher ruppige Massage erhalte ich auf der Fahrt zur Pacuare Lodge. Der Jeep schlingert und hüpft über eine lehmige Piste, in deren Schlaglöchern Kühlschränke für halb Costa Rica Platz fänden. Die meisten Gäste der tief im Regenwald versteckten Öko-Lodge reisen daher mit dem Schlauchboot an. So können sie schon bei der Ankunft ihr erstes Abenteuer abhaken. Den nächsten Adrenalin-Kick verschaffen sie sich beim Canoping über den Wipfeln des Regenwalds, wo sie sich an einem Stahlseil, mit Karibinern gesichert, von Ast zu Ast schwingen.
Beim Candlelight-Dinner am Fluss komme ich mit einem Paar aus dem Silikon Valley ins Gespräch. Tom hat eine eigene IT-Firma, seine Frau Sri erforscht die biologischen Effekte der Meditation. Bis weit nach Mitternacht diskutieren wir im tiefsten Dschungel über Sinn und Unsinn der Digitalisierung. Danach ziehen wir uns mit solarbetriebenen Lampen in unsere handy-freien, kuscheligen Luxuszelte zurück.
Einige Tage später, auf der Fahrt zur Pazifikküste und den Surf-Revieren bei Uvita erfahre ich die ultimative Abrundung des puren, prallen Lebensgefühls. Auf einer Landstraße gerät unser Auto plötzlich in einen Stau. Am Straßenrand hat sich auf eine Traube von Menschen versammelt, die wie hypnotisiert in die Luft starren. Handelt es um hier um eine besonders gefinkelte Achtsamkeitsübung? Oder sind an Costa Ricas Himmel Ufos aufgetaucht?
Neugierig geworden, bitte ich den Fahrer, anzuhalten. Und dann sehe ich es auch: An der Stromleitung hängt ein grauer Klumpen Fell. Plump und undefinierbar. In Zeitlupe, Zentimeter für Zentimeter, schiebt er sich voran. Das haarige Wesen entpuppt sich als Faultier. Unansehnlich und grau, aber faszinierend in seiner stoischen Langsamkeit. Völlig ungerührt von dem Hype um sein Erscheinen und die spitzen Entzückungsschreie unter ihm.
Was für ein kurioses Geschöpf. Bewundert wie eine Diva und dabei hässlich wie die Nacht. Warum flippten diese Touristen so aus beim Anblick eines so lahmen Tieres? Wo es doch hier die farbenprächtigsten Papageien, die schrillsten Affen und die schönsten Schmetterlinge gibt?

Und dann dämmert es mir. Na klar – pura vida! Hier hängt nichts anderes als der leibhaftige Gegenentwurf zu unserem stressigen Dasein mit seinem ungemütlichen Zwängen zu perfekter Performance und ständiger Selbstoptimierung! Vielleicht ist die Zeit reif für einen provozierend schlichten Trend: Die Faultier-Therapie. Abhängen in Reinkultur: Ungekämmt, ungebügelt und ineffizient. Pures, pralles Wohlfühlen bei maximaler Selbstgenügsamkeit.