Katzenmusik zum Narrisch Werden: Fastnacht im Allgäu

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Achtung, jetzt wird’s schräg: In der Fastnacht ziehen im Allgäu die Guggenmusiken durch die Gassen. Die Kapellen mit den üppigen, bunten Kostümen, den riesigen Bässen und den gewaltigen Schlagwerk-Wägen sorgen in Isny im Allgäu gleich auf zwei Events für ein pompöses Getöse: Fast zwei Dutzend Kapellen bis aus dem Schwarzwald und der Schweiz werden bei sogenannten Monster-Konzerten im Januar und im Februar erwartet.

Wer Guggenmusik nicht kennt, dem hilft Wikipedia: Hier steht, es handle sich um „eine stark rhythmisch unterlegte, auf ihre eigene, sehr spezifische Art falsch oder schräg gespielte Blasmusik.“ Falsche Töne? „Das stimmt so nicht“, widerspricht Josef Hodrus aus Isny im Allgäu der Wissensplattform. Der Trompeter dirigierte knapp 15 Jahre lang eine der ältesten Guggenmusik im Westallgäu und arrangierte die Stücke für die Kapelle, die diesen Winter ihr 40. Jubiläum mit einem großen Monsterkonzert feiert.

„Die Musiker spielen nicht falsch. Sie reizen nur den individuellen Spielraum aus“, erklärt Josef Hodrus fachmännisch. „Guggenmusiker spielen kein Konzert. Keine Stücke, die sich an streng arrangierte Noten halten. Hier hat jeder die Möglichkeit, sich maximal zu entfalten. Alles aus seinem Instrument herauszuholen.“ Die Energie würde dabei vor allem durch die Rückmeldung aus dem Publikum entstehen.

Adrenalin pur: Der Gugga-Blues

Geprägt von extrem viel Rhythmus spielen die knapp 50 Musikanten auch in dieser Saison wieder eine Mischung mitreißender Titel aus Pop, Rock, Hip-Hop, Reggae, Filmmusik und sogar Techno. „Bei der Guggenmusik werden die Stimmen Bass, Posaune, Trompete und Schlagwerk neu arrangiert.“ So entstehen ungewöhnliche Cover-Songs. Nur der „Gugga-Blues“ sei komplett selbst komponiert – aus einer Laune heraus mit einem Solo für jedes Blasinstrument.

Hirnforscher Prof. Dr. Lutz Jäncke
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Beim Gugga-Blues stehen die Musiker oft mitten im Publikum auf den Tischen oder suchen sich andere ungewöhnliche Orte. So schwappt die Begeisterung für die voluminösen Töne über mehrere Ebenen auf das Publikum über: „Man hört, spürt und sieht die Botschaft. Das ist nonverbale Kommunikation und eine multisensorische Erfahrung. Nicht zu vergleichen mit Musik von einer CD“, erklärt der Hirnforscher Prof. Lutz Jäncke von der Universität in Zürich. Der gebürtige Rheinländer ist zwar selbst kein echter Fan, schätzt aber die schillernd „bunten Farbkleckse“, die die Guggenmusiken in den Umzügen darstellen. „Bei so extremen Rhythmen hört der Mensch das Denken auf und automotorische Bewegung setzt ein.“ Josef Hodrus weiß genau, was der Hirnforscher damit meint: „Guggenmusik kann man nicht gut erklären, das muss man erleben: Das bunte Kostüm, die schnellen Schlagwerke auf Rädern, die Bässe mit ihren großen, nach vorne ausgerichteten Trichtern – das funktioniert nur live.

Diese „Katzenmusik“ passt in keine Schublade

In einem sind sich die Musikforscher einig: Die Guggenmusik  passt in keine Schublade. Manche sprechen sogar von einer ganz unabhängigen Musikgattung. Ihr Ursprung liegt in der Schweiz und ist heute dort und in der schwäbisch-alemannischen Fasnet verbreitet: Mitte des 19. Jahrhunderts zogen in Basel „improvisierte Musiken“, sogenannte „Katzenmusiken“ durch die Stadt. Die erste Kapelle unter dem Begriff „Guggenmusik“ ist bereits 1906 erwähnt: Es sei eine Musik, die „Steine erweichen, Menschen rasend machen kann.“

Einen richtigen Boom erlebten die Fastnachtskapellen nach dem Zweiten Weltkrieg. Heute gibt es Schätzungen zufolge rund 800 Guggen-Gruppen in der Schweiz, in Deutschland, Österreich, Liechtenstein, Frankreich, Belgien, Holland und in Tschechien. Jeder einzelne Auftritt sei echter „Hochleistungssport“ für jeden Musiker, erzählt Josef Hodrus aus jahrelanger Erfahrung. „Da musst du richtig pressen. Du bewegst dich. Die Masse geht mit. Das ist Adrenalin pur.“ Über den musikalischen Leiter im Vordergrund gehe die ganze Energie der Gruppe von der Bühne auf das Publikum über.

Einladung: Als Musiker dabei sein

Diesen Adrenalinschub werden am 23. Februar wieder mehrere Tausend Gäste bei der 7. Isnyer Guggennacht erleben. „Bei dem Event, das nur alle fünf Jahre stattfindet, ist die Stadt immer rappelvoll“, freut sich der aktive Vorsitzende des Vereins Michael Motz über den gewaltigen Zuspruch. Die Leute würden hinter der Gruppe stehen, die immer laut und wild spielt, aber eben auch einen sympathischen Kontakt zum Publikum aufbauen kann. „Wir haben durch alle Bevölkerungsschichten eine großartige Resonanz: vom Kindergartenkind bis zum Opa.“
Das Allgäu GmbH lädt alle Leser herzlich ein, sich mitten ins Geschehen zu stürzen: „Gerne besorgen wir Ihnen ein Original-Kostüm. Mit einer Pfeife, einem Schepperle oder einem Samba-Ei können Sie mit einer echten Guggenmusik am 23. Februar durch die Kneipen ziehen oder das Monsterkonzert am 26. Februar in Isny im Allgäu bestreiten.“

INFO:

Die Isnyer Guggenmusik feiert am Samstag, 23. Februar, mit der 7. Isnyer Guggennacht ab 17 Uhr am Isnyer Rathaus das 40-jährige Jubiläum. 11 Guggenmusiken stehen hier auf dem Programm. Darunter Ventilatore aus Basel, die Säcklistrecker aus Dörlinbach und die Bazzaschüttler aus Eichberg in der Schweiz.

Wer die Guggenmusik persönlich kennenlernen und erleben will, ist bei der Baizentour richtig: Am Freitag, 1. März, zieht die bunte Gruppe ab 19 Uhr in Isny im Allgäu von Wirtschaft zu Wirtschaft und spielt dazwischen in den Gassen. Drei Guggenmusiken sind am Rosenmontag, 4. März, beim Kiss-Ball im Adlersaal in Isny zu erleben. Die beiden Jubiläums-Guggenmusiken sind auch beim großen Fasnetsumzug der Narrenzunft „Lachende Kuh“ am Faschingsdienstag, 5. März, in der Isnyer Innenstadt zu erleben.

http://www.guggenmusik-isny.de/
https://www.allgaeu.de/

 

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