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Barfuss-Lady Rhoda Scott: Musik hält jung und inspiriert jede einzelne graue Zelle

Das Goldene Zeitalter ist jetzt! Wie eine 80 Jahre alte Jazz-Organistin ihr Schweizer Publikum rockt

Rhoda Scott Foto D. Rebmann Rhoda Scott

Rhoda Scott ist um sechs Uhr morgens aufgestanden, um rechtzeitig am Flughafen sein und am Abend auf dem Jazzfestival am Genfer See aufzutreten. Inzwischen ist es 21 Uhr, und die achtzigjährige Musikerin hat noch immer keine Zeit gehabt, um ihren Koffer im Hotel einzuchecken oder vor dem Konzert zu Abend zu essen.
Dafür hat die Afroamerikanerin etwas geschafft, was an diesem Wochenende noch keinem Musiker gelungen ist: Das Schweizer Publikum buchstäblich vom Hocker zu rocken! Und wer die überaus liebenswerten, aber nicht gerade für ihren Überschwang berühmten Schweizer kennt, der weiß, was das bedeutet!

Ihr elfjähriger Fan Matys sitzt in der ersten Reihe

Geradezu frenetisch haben die Zuhörer im Winzerdorf Cully die HammondorgelLegende Rhoda Scott und ihre junge Ladies All Star Besetzung bejubelt. Auch der elfjährige Matys, der mit seiner Mutter in der ersten Konzertreihe sitzt, ist hingerissen. Der Schüler lernt selbst Orgel und ist eigens zu Scotts Konzert nach Cully gereist. Er möchte herausfinden, was ihren ureigenen Stil geprägt hat, und ich verspreche ihm, sie danach zu fragen.

Wenn zwischen Alt und Jung die Vibrations stimmen

Als ich die Jazzmusikerin zum Interview in ihrer Garderobe treffe, bin ich überrascht, wie frisch und lebendig die 80jährige wirkt. Seit 15 Stunden ist sie jetzt pausenlos auf den Beinen, hat nach dem Konzert noch Autogramme signiert und strahlt noch immer wie eine Dreißigjährige — wie schafft man das? „Auch ich werde jedes Jahr älter“, antwortet Rhoda Scott schmunzelnd , „doch die Musik und vor allem das Zusammenspiel mit meinen Bandmitgliedern hält mich jung. Es macht einfach einen Riesenspaß, mit diesen jungen Musikern zusammen zu spielen. Wir inspirieren uns gegenseitig, deshalb kann ich auch aus vollem Herzen sagen: Mein Golden Age ist jetzt!“

Die gefeierte Grande Dame der Hammondorgel kommt am 3. Juli 1938 in New Jersey an der Ostküste der USA zur Welt. Ihr Vater ist Pastor an der African Methodist Episcopal Church von Dorothy und ermutigt seine Tochter schon früh zum Orgelspielen. Bald spielt sie regelmäßig in seinen Gottesdiensten. Nach der High School zieht Rhoda Scott nach New York und macht an der Manhattan School of Music ihren Master. Obwohl sie auch klassisches Klavierspiel lernt, bleibt ihre Leidenschaft die Orgel.

Count Basie entdeckt Rhoda Scott in New York

Als sie gebeten wird, in einer New Yorker Jazzgruppe aufzutreten, willigt sie unter der Bedingung ein, statt dem Piano die Hammondorgel zu spielen. So wird sie zu einer der wenigen Jazzmusikerinnen, die mit diesem Instrument brillieren. Arthur Rubinstein nennt sie eine große Virtuosin.
Als Erster wird Count Basie, der Bigband-Leader der Swing Ära, auf die Barfoot-Lady aufmerksam und engagiert sie für seinen Club in Harlem. Später zieht sie auf Einladung von Eddie Barclay von New York nach Frankreich um. Dort lebt sie bis heute.
Die Besonderheit, die Pedale der Bässe einer Orgel  barfuß zu spielen, wurde auch für andere Musiker zum Vorbild. So auch für den jungen britischen Songwriter und Jazzliebhaber Benjamin Clementine, der sein bekanntestes Video  Condolence ebenfalls barfuß inszeniert.

Fünf Königinnen und ein Mann

Längst ist die „Barfußorganistin“ zur emblematischen Figur des Jazz und zur Botschafterin der Feminisierungsbewegung des Genres geworden. Das mit dem Sextett We Free Queens veröffentlichte  Album erinnert an die Swing-Ära vergangener Zeiten und zeigt ebenso den Weg und die Interpretation dieser überzeugenden Musikrichtung in das Hier und Heute.  Neben den Schlagzeugerinnen Anne Paceo und Julie Saury und den Saxophonistinnen Géraldine Laurent, Lisa Cat-Berro und Sophie Alour ist mit dem Trompeter Julien Alour auch ein Mann bei der Gruppe.